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(K)Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm

Färbe Sturm
Ralf Beckord, Regisseurin und Intendantin Cornelia Hentschel, Elmar F. Kühling und Reyniel Ostermann wurden am Freitagabend begeistert nach der Premiere von „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" von Theresia Walser in der Färbe gefeiert. swb-Bild: of

Färbe macht als „Männerrunde" ein Meisterstück aus Werk von Theresia Walser

Singen. Das ist schon eine kuriose Runde auf der Färbe-Bühne. „Hitler" trifft „Hitler", und dazu gesellt sich auch noch „Goebbels". Nein, es sind natürlich Schauspieler, die diese Rollen spielten auf der Bühne und im Film, deren Rolle sich aber doch mit ihrem Leben untrennbar verwoben hat. Alle drei bereiten sich eigentlich auf eine Talkrunde im TV vor und müssen warten, bis sie im Studio „sitzen" dürfen. Ralf Beckord als Franz Prächtel, Elmar F. Kühling als Peter Söst und Reyniel Ostermann als Ulli Lerch machen daraus in absolut spannungsreichen Szenen eine Parabel, wie viel Hitler oder Goebbels da in einem stecken kann, um diese Rolle so zu spielen, dass sie ihre Figuren auch „leben" können. Und wie frei ein Schauspieler danach eigentlich noch sein könnte. Da fühlte man sich im Schlussapplaus geradezu, als ob die drei gerade ein Fußballspiel gewonnen hätten, so begeistert zeigten sich die Besucher der Premiere am Freitagabend im Singener Kneipentheater.

Die drei Herren, die da schon mit Mikrofon am Hemdkragen auf ihren Auftritt warten, haben es fürwahr nicht leicht miteinander. Franz Prächtel beginnt damit, dass er tags zuvor noch in Tunesien unter Palmen lag und dort eine Tischrede mit „Hitler" signieren sollte. Ralf Beckord, der ohnehin in einer unglaublichen Verwandlungskunst die "finsteren Seiten" der menschlichen Seele glaubhaft echt drauf hat, war ja nicht nur Hitler, wie er immer wieder deutlich macht. Obwohl diese Rolle doch irgendwie die seines Lebens ist, vielleicht sogar sein Leben sein könnte, wie man immer wieder zu spüren bekommt, auch wenn man aufgrund der Kauzigkeit seiner Monologe an die beiden Mitstreiter eigentlich ständig lachen muss, und das sogar aus Schadenfreude. Hitler 2, Peter Söst (Elmar F. Kühling), unterstreicht immer wieder, dass er diesen ja nur gespielt habe, aber nie gelebt. So landete er aber zwischen den Stühlen und warf ein, dass er in der Rolle drauf wiederum ein KZ-Opfer mimte und eben alles nur ein Spiel sei. Währendessen fragte sich Goebbels-Darsteller Ulli Lerch (Reyniel Ostermann), ob man über seine Rolle oder den Goebbels auch lachen dürfe. Wunderbar, wie die drei zuweilen aneinander hochgehen und eigentlich um die Frage streiten, was das wahre Theater sein könnte. Zum Beispiel mit der sinnigen Frage, ob Franz Prächtel nun auch noch den Albert Schweizer spielen könnte und man ihm das auch abnehmen würde. Und die Frage bleibt offen. Darf die Wirklichkeit das Theater einholen? Theresia Walter hatte hier schon für eine gut gewürzte Vorlage gesorgt mit ihrem „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", auf der Bühne war kein bisschen Ruhe, denn auch die Pausen im vergnüglichen verbalen Hahnenkampf waren Szenen voller Kraft. Da wurde an diesem Abend ein rassiges Mahl daraus bereitet, bei dem man doch irgendwie im Gelächter vor dem Schlussapplaus für sich feststellen musste: reingefallen auf dieses Schauspiel.

Und das hat auch viele Ebenen zum Spaß für die Zuschauer: Eine tatsächlich tragende Rolle spielt da auch ein Tisch, der immer umkippt, wenn der finstere Hitler-Darsteller das Glas nimmt und wiederholt feststellen muss, dass er eigentlich »Hahnenwasser« wollte, aber keines mit Kohlensäure. Bis er irgendwann sagt, »ich will hier keinen Tisch der sowieso nur zwischen uns herumsteht« und schließlich wenig später fragt, wo der Tisch hin sei, als er mit dem Glas in der Hand sitzen bleibt, aus dem die Kohlensäure trotz heftigen Löffelgeklappers einfach nicht weichen will.

Doch auch ein Hauch Abschied lag an diesem Abend in der Luft. Milena Weber, die über fünf Jahre im Ensemble sich immer neu zu verwandeln verstand, war nur noch im Publikum Gast dieser Premiere. Sie wird schon bald zu den Burgfestspielen Mayen wechseln, war zu erfahren, und danach ab Herbst ein Engagement in Nordrhein-Westfahlen starten.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler


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